Der deutsche Profifussball wirtschaftlich betrachtet
Wurde von Spiegel Redakteur Christof Ruf sehr gut beschrieben. So sieht es nämlich zur Zeit, und vor allem in der Zukunft in Deutschland und in anderen Ländern aus.
Goliath ist noch größer geworden
Von Christoph Ruf
Klare Verhältnisse zum Rückrundenstart der Bundesliga: Mainz, Cottbus, Aachen, Bochum und Bielefeld steigen ab. Wenn nicht diese Saison, dann in einer der nächsten.
Hamburg - Man muss es einmal in aller Deutlichkeit sagen: Fußballfans können manchmal auch richtig doof sein. Zum Beispiel wenn sie “Wir wollen euch kämpfen sehen” rufen, wo es doch an allem hapert, nur nicht am Einsatz. Oder wenn sie, wie eine qualifizierte Minderheit der Aachener Fans, in lautes Pfeifen und Wehklagen ausbricht, weil die Mannschaft zu Hause nicht jeden Gegner mit 3:0 wegfiedelt. Hohe Ansprüche bei einem grund-erdigen Club, der vor gar nicht allzu langer Zeit noch gegen Wuppertal und Solingen kickte. Und bei dem sich nun einige dennoch nicht mehr darüber freuen können, dass man in der höchsten deutschen Spielklasse auf einem Nichtabstiegsplatz überwintert. So viel Größenwahn kennt man sonst nur aus Köln, wo man faktisch gegen Burghausen, aber vom Selbstverständnis her gegen Real Madrid und den FC Chelsea spielt.
Man kann für Michael Frontzeck und sein wackeres Team nur hoffen, dass der vernunftbegabte Teil der Aachener Fanszene die Schreihälse alsbald wieder einfängt, sonst könnte der Tivoli für die Alemannia zum entscheidenden Standortnachteil im Abstiegskampf werden. Ein Team, das latent ängstlich in die eigenen Heimspiele geht, steigt auf jeden Fall ab. Trotz dieses erstligauntauglichen und deshalb grandiosen Stadions.Ebenfalls absteigen werden der VfL Bochum, Mainz 05, Energie Cottbus und Arminia Bielefeld, wenn nicht in dieser Saison, dann in einer der folgenden. Mag man sich, wie die aufrechten VfL-Fans, noch so sehr als angestammter Erstligist sehen - es gehört zu den romantischsten Lebenslügen der Branche zu behaupten, dass Geld keine Tore schieße. Schon heute gelingt es Vereinen wie Bielefeld nicht mehr, irgendeinen Stammspieler zu halten, wenn einer der potenteren Konkurrenten auch nur anfragt. Mainz hat es hingegen auch im dritten Erstligajahr nicht geschafft, einen Stammpieler aus der Bundesliga zu verpflichten. Es wird auch in Zukunft unmöglich sein.
Teams mit großen, modernen Stadien und den entsprechenden Vermarktungsmöglichkeiten werden den kleinen Traditionsvereinen schon bald endgültig uneinholbar enteilt sein. Die WM hat vielen von ihnen hypermoderne Arenen hinterlassen und damit den ligainternen Klassenkampf noch einmal beschleunigt. Goliath ist anno 2007 noch größer geworden, Davids Steinschleuder ist ausgeleiert.Umso wichtiger für die kleinen Vereine und ihre Anhänger, realistisch zu bleiben: Vom Pokalsieg gegen die Bayern kann man noch dann schwärmen, wenn man längst wieder gegen Fürth oder Braunschweig spielt. Und der authentische Charme, der einen Stadionbesuch in Mainz oder Bochum vom Arenenbesuch bei den beiden großen Nachbarn unterscheidet, bleibt auch in der Zweitklassigkeit so liebenswert.
Authentizität und maximaler Erfolg lassen sich eben nur schlecht vereinbaren: Wer gegen die angeblichen “Söldner” hetzt, muss wissen, dass ein Theofanis Gekas nie nach Bochum gekommen wäre, wenn man ihm vertraglich verboten hätte, irgendwann wieder zu gehen. Und die Tore von Jan Schlaudraff bleiben auch dann wichtig, wenn er demnächst bei den Bayern kickt. Wer diese Rituale, die man Branchenmechanismen nennt, nur noch langweilig und abstoßend findet, sollte konsequenterweise in einer der unteren Ligen Fußball schauen. Das macht mehr Spaß, als Aachener Spieler, die wie Aachener Spieler bezahlt werden, dafür zu beschimpfen, dass sie nicht so erfolgreich kicken wie Spieler vom FC Chelsea oder Bayern München.Wobei wir bei der Tabellenführung wären: Meister wird Werder Bremen, knapp vor Bayern und Schalke. Die Werder-Fans würden sich jedenfalls so richtig freuen, wie sich das eben gehört, wenn man sich mit schönem, intelligentem Fußball die klammheimliche Sympathie von Millionen von Fußballfans erspielt hat. Wer sich noch über realistische Erfolge freuen kann, hat das auch verdient.
Quelle: http://www.spiegel.de